Kunst in Prenzlauer Berg | Figürliche Positionen  | Interview mit Rolf Biebl

  

Figürliche Positionen
Bildhauerkunst in Prenzlauer Berg

 

(Rolf Biebl: Eva, 1989/1990,
Bronze, H 240 cm)

 

 

Interview mit Rolf Biebl

Ihre erste Arbeit für den öffentlichen Raum war der »Vinetamann« im U-Bahnhof Vinetastraße. Wie kam es dazu?

... durch den Architekten Stefan Weiß, der die Gesamtkonzeption innehatte. Weiß ist ein Studienfreund von mir. Er kannte meine Plastiken und wußte auch, daß ich ursprünglich Architekt sein wollte. Ich habe zwei Semester Architektur studiert und somit eine starke Beziehung zur Kunst am Bau. Diese Mischung der beiden Gattungen interessiert mich sehr, und ich bin davon überzeugt, daß man sie zeitgemäß handhaben kann. Im U-Bahnhof ist dieser Fall praktisch erreicht: die Schrägverfliesung an den Wänden des Bahnhofs wiederholt sich in der Figur, in der Schräge der Strukturen ihrer Gliedmaßen und des Surfbretts, auf dem sie steht.

Das heißt, Sie haben die Figur von Anfang an für den konkreten Standort U-Bahnhof konzipiert?

Ja. Die Berliner Verkehrsbetriebe wollten eigentlich immer einen Mann mit Uniform, so ganz korrekt nachgemacht. Doch wir konnten uns am Ende mit der Gestaltung der Figur durchsetzen. Die Schrägverfliesung war im Grunde ein Skandal. Als die Leute von den Verkehrsbetrieben sahen, daß die Wände so futuristisch gefliest waren, bekam der Chef der Firma ein Parteiverfahren. Wir hatten nur Glück, daß Zeitdruck bestand. Es gab richtigen Ärger, aber am Ende stand eben doch ein gelungenes Gesamtkonzept.

Was interessiert Sie an der Verbindung von Architektur und Plastik so stark?

Ich bin der Meinung, daß es eine Verzahnung geben kann, die so eng ist, wie sie früher zum Beispiel an Kirchenbauten praktiziert wurde. Anders als heute, wo mal irgendein Kunstwerk zur Architektur dazu gestellt wird. Gebäude werden projektiert, zum Beispiel die neuen Ministerien in Berlin, und später kommt dann eine Jury und holt sechs, sieben, acht Vorschläge von Künstlern ein. Ein Kunstwerk wird dann »dazu« gestellt.

Ich habe immer viel mit Weiß zusammengearbeitet, weil ich hier von vornherein einbezogen wurde. Zunächst stand weder das Gebäude richtig fest noch das Kunstwerk, alles war offen und wir arbeiteten gemeinsam. Das sind ideale Zustände. Auf diese Weise kann man Zeitgeist transportieren, Bildhauerei in den Zeitgeist einbeziehen. Davon bin ich überzeugt.

In der Kulturbrauerei stehen die beiden Figuren »Adam und Eva«. Dabei handelt es sich um eine Leihgabe von Ihnen, nicht um einen Ankauf. Haben Sie sich aktiv darum bemüht, die Figuren in den öffentlichen Raum zu stellen, und warum an diesen Ort?

Die Geschichte der beiden Figuren hängt wieder mit dem Architekten Stefan Weiß zusammen: Ende der achtziger Jahre bekam das Bauhaus Dessau für die DDR plötzlich wieder Bedeutung. In diesem Zusammenhang sollte auch der Bahnhof gestaltet werden. Man wollte Architekten daran setzen, die eine Korrespondenz zum Bauhaus, eine Art geistige Ebene zu schaffen wußten. So kam Weiß ins Spiel, und er sprach mich für die plastische Gestaltung an. Ich hatte die Figuren konzipiert, sie sollten den Menschen am Eingangsbereich zu den Bahnsteigen entgegentreten. Die Halle war ziemlich groß. Als die Figuren gegossen wurden, kam die Wende. Dann gab es Finanzierungsschwierigkeiten, bis der Kulturfonds einsprang. Als wir die Figuren aufstellen wollten, gab es plötzlich Probleme anderer Art. Man drohte uns sogar mit der Polizei.

Da haben wir die Figuren wieder eingeladen und nach Berlin geschafft. Weiß machte den Vorschlag, sie in die Kulturbrauerei zu stellen. Dort waren inzwischen Fernsehsendungen gedreht worden, der Ort war ziemlich bekannt. Später kam ein Brief aus Dessau, sie wollten die Figuren gern zurück haben. Sie boten an, sie auf den Rasen vor dem Bahnhof zu stellen. Aber nun wollten wir nicht mehr, da diese Art der Aufstellung nichts mehr mit unserer ursprünglichen Idee zu tun hatte.

Die Figuren waren für einen Bahnhof in Dessau konzipiert. Nun stehen sie in der Kulturbrauerei. Funktioniert das formale Konzept trotzdem noch?

Die Figuren sind in einer bestimmten Strenge gearbeitet, die sich direkt auf den konkreten Ort in Dessau bezog. In der ursprünglichen Konzeption standen sie schräg am Gebäude. Nach der Rekonstruktion der Kulturbrauerei werden wir sie wohl wieder so ähnlich aufstellen.

Vor der Rekonstruktion standen sie einander gegenüber, so, als würden sie aufeinander zugehen und sich erkennen wie Adam und Eva ...

Na ja, eigentlich haben die Figuren keinen Titel. »Adam und Eva« hat sich in der Öffentlichkeit so durchgesetzt, ist aber nicht meine Erfindung. Sie sind einfach Mann und Frau, aber es ist eine Idee, vielleicht noch einmal darüber nachzudenken. Wir hatten die so gestellt, daß sie knapp aneinander vorbei gehen. Es gab optische Schnittpunkte, aber sie trafen sich nicht wirklich im Sinne des »Aufeinander-Zugehens«.

Was macht den Standort für Sie so attraktiv?

Die Figuren stehen hier mittendrin, wie man so sagt, direkt in der Stadt. Und ich merke, daß sie im Bewußtsein der Leute verankert sind. Wenn mich junge Leute fragen, wo es irgend etwas von mir zu sehen gibt, brauche ich nur die Kulturbrauerei zu nennen. Die kennen sie, und an die Figuren erinnern sie sich auch immer.

Was ist für Sie der Reiz am öffentlichen Raum?

Der öffentliche Raum ist das Gegenteil jeder elitären Kunststrategie. Man muß als Künstler etwas suchen, mit dem man sich den Leuten nähern kann. Das ist ganz wichtig und für mich die eigentliche Herausforderung: daß Menschen, die mit Kunst sonst vielleicht nichts zu tun haben, mit Kunst in Berührung kommen. Und daß jemand, der sich in der Kunst auskennt, trotzdem einen Zugang findet. Diese Zwischenstufe hat mich immer besonders interessiert. Wenn mir das gelingt, habe ich ein gutes Gefühl.

Ich versuche, im öffentlichen Raum auf die Menschen zuzugehen. In meinem Atelier, bei freien Arbeiten arbeite ich anders. Da bin ich der einzige Betrachter, dort denke ich an mich und eine Art Forschung zu Ausdrucksformen der Bildhauerei, die es noch nicht gab. Da sind also Figuren, deren Körper ausgefüllt sind, wo Verhältnisse gegeneinander ausgespielt sind, Volumina gegeneinander stehen. Das ist mein persönliches Forschungsprojekt, im öffentlichen Raum aber ist das zweitrangig.

Sie arbeiten immer mit der menschlichen Figur, setzen der teils riesenhaften, technisierten Umgebung das menschliche Maß entgegen ...

Die menschliche Figur ist ein Gefäß, das Zeitgeist ausdrücken kann. Sie ist der interessanteste räumliche Kunstgegenstand. Und der schwierigste, weil es schon solch eine lange Kunstgeschichte gibt. Doch nur das Gefäß »menschlicher Körper« kann seine eigenen Gesetze in Gänze transportieren.

In Marzahn vor dem Rathaus war ich mir zum Beispiel sicher, daß ich eine Familie gestalten würde. Dahinter steht ein riesiges Hochhaus, direkt in der Diagonale. Meine Theorie ist, daß ein menschlicher Körper mit seinen Maßen und organischen Formen visuell standhält gegen solch ein Riesengebäude. Und es hat tatsächlich funktioniert: Da ist eine kleine Hand, die in eine bestimmte Richtung zeigt, und die hält sich visuell gegen einen solchen Betonklotz. Ich habe also nicht versucht, Masse gegen Masse aufzuwiegen, mit gigantischen Proportionen dagegenzuhalten, sondern andere, eben menschliche Maße einzubringen. Das sehe ich als große Herausforderung.

Letztlich ist egal, wie man Kunst benennt und einordnet. Wichtig ist, daß sie eine politische Äußerung, eine humanistische Äußerung ist, daß man Kunst für die Gesellschaft macht und nicht aus zynischem Spaß heraus. Dafür empfinde ich die menschliche Figur als am besten geeignet.

Jetzt habe ich wieder einen Auftrag gemeinsam mit Weiß und Faust für einen Jugendclub in Berlin-Karow. Ein Gebäude, das wie ein Schiff aussieht. In vier Meter Höhe hängt eine Art Galionsfigur. Architektur und Plastik sind ganz speziell für diesen Ort entwickelt. Anfänglich schlug man mir vor, einen Ikarus darzustellen. Aber ich war völlig dagegen. Im Ikarus ist von vornherein der Absturz, das Scheitern enthalten. Das kann man Jugendlichen nicht zumuten. Jetzt ist es eine männliche Figur in Bewegung. Sie hat etwas Sperriges, eckige und kantige Punkte. Der Ellbogen steht nach vorn, denn ich habe versucht eine Geste zu finden, die für Jugendlichkeit steht. Irgend etwas Sprödes.

Verändert sich der öffentliche Raum, und wie wirkt sich das auf die Kunstwerke aus?

Ja, der Raum verändert sich mit der Zeit. Die meisten meiner Figuren sind ambivalent angelegt, also formal oder thematisch nicht in einer bestimmten Zeit festzumachen. Wäre ich »in der Zeit« gewesen, hätten meine Figuren jetzt wahrscheinlich etwas Altmodisches. Ich versuche immer auch Zeitlosigkeit einzubauen, allgemeine Aussagen zu treffen. Man erreicht das im Hinausgehen über das rein Abbildhafte. Dann kann Plastik mehr sein als Ornament, eine autonome, eigenständige Sache, die auch immer wieder neu gesehen wird.

Und dann gibt es noch das Phänomen, daß Kunst oft abgelehnt wird, weil sie ungewohnt, eben nicht »modisch« ist. Es gibt da einen Spruch, der besagt, daß neue Kunst immer irgendwie häßlich erscheint, mit der Zeit jedoch immer schöner wird. Mit der Mode ist es andersherum: am Anfang ist sie richtig schön, und mit der Zeit wird sie immer häßlicher. Es ist tatsächlich so: Manche Arbeiten, die man als spröde, zu grell empfindet, werden mit der Zeit wunderbar. So scheint es mir auch oft bei meinen Figuren zu sein. Zum Beispiel bei der einen Männerfigur mit riesigem Brustkorb. Ich bin froh, daß ich sie gemacht habe. Damals war sie für die meisten Betrachter so schrecklich grell und unansehnlich. Heute erscheint die Figur durch den zeitlichen Abstand ganz normal, in die Welt integriert.

Anstelle von »Adam und Eva« hing am Bauzaun in der Kulturbrauerei lange ein Gemälde von Ihnen, welches das Thema Mann und Frau fortführte und eine Art Ersatz für die zeitweilig ins Depot gestellten Skulpturen darstellte. Ist die Malerei für Sie ein neuer künstlerischer Weg?

Ja, schon früher habe ich gemalt, die Anfänge aber immer wieder verworfen. Das ist jetzt anders. Mich interessiert der Unterschied zur Bildhauerei, der Unterschied zwischen drei- und zweidimensionaler Arbeit. Und ich verstehe Malerei als eine Verbindung zu den neuen Medien.

Mich interessiert das Moment des Virtuellen, des Scheinbaren, die Schaffung eines künstlichen Raums. Diese Illusion ist faszinierend, und es ist im Vergleich zur plastischen Figur eine gigantische Manipulation. Außerdem fasziniert mich die Wirkung von Farben auf das Nervensystem. Manchmal habe ich das Gefühl, daß ich ein ganz anderes Lebensgefühl bekomme, wenn ich tagelang in meinem Atelier mit leuchtenden Farben arbeite.

Ein Phänomen, das mich dabei ganz stark beschäftigt, ist, daß man innerhalb des Prozesses die Weichen in eine ganz andere Richtung stellen kann. Bei einer Plastik muß alles ganz genau konzipiert werden, schon aus statischen Gründen. Man führt dann die grob angelegten Teile aus, aber in der Malerei kann man ständig verwerfen. Manchmal geht man eine Figuration an und sieht plötzlich einen ganz anderen Weg: ein großes Abenteuer.