Kunst in Prenzlauer Berg | Prenzlauer Berg Kunstspaziergänge | Rund um den Kollwitzplatz

M. Hörisch, W. Krause:
Prenzlauer Berg Kunstspaziergänge

Rund um den Kollwitzplatz

»Ich hatte mal gehört ... der Prenzlauer Berg sei kein Stadtbezirk,
sondern eine Weltanschauung ...« (Daniela Dahn)

           

Restaurant »1900« am Kollwitzplatz

Auf dem Weg zum Kollwitzplatz kommen wir in der Knaackstraße 53 - 67 an der vierten Grundschule vorbei, wo die Stele »Traditionen der deutschen Arbeiterklasse« von Heinz Worner (geb. 1910) seit 1981 ihren Platz hat. Der Künstler widmete sie den ermordeten Antifaschisten Ernst Knaack (1914-1944) und Siegmund Sredzki (1892-1944), nach denen die eben von uns passierten Straßen im Kiez benannt sind. Ihre Porträts hat Worner in seine Stele aus Sandstein aufgenommen, die rundherum figürliche Reliefs und Motive der revolutionären Bewe-gungen in den Jahren 1848-1945 zeigt. Am Ende der Knaackstraße treten wir auf den Kollwitzplatz, der von uns im Linksbogen umrundet werden soll. Wir treffen auf die Wörther Straße, die die Schönhauser und Prenzlauer Allee miteinander verbindet und dem Platz bis 1947 seinen Namen gab. Wir befinden uns im ehemaligen Elsaß-Lothringen-Viertel. Wörth zum Beispiel (franz. Woerth) liegt im unteren Elsaß. Im Volksmund war dies allerdings das »Generalsviertel«. Zahlreiche Offiziere, die in den Kasernen in der Nähe des Alexanderplatzes Dienst taten, hatten hier ihre Wohnungen. Die prunkvollen Fassaden, exemplarisch zum Beispiel Wörther Straße 37/38, entsprachen ihrem Repräsentationsbedürfnis. An der Ecke Husemannstraße lädt das »1900« ein - ein beliebtes Restaurant, das schon zur DDR-Zeit Künstlertreff-punkt war und in dem regelmäßig Ausstellungen stattfanden. Von hier aus ist das Leben in diesem Kiez, der für den Prenzlauer Berg beinahe als Synonym gilt, gut zu beobachten. Besonders schön sitzt man bei gutem Wetter vor dem »1900« unter den alten Bäumen.

In der Husemannstraße, die schon in den achtziger Jahren als Museumsstraße restauriert worden ist, sollte man einen Blick in die kleinen Läden mit den historischen Ausstattungen werfen. Ein Kiezmuseum demonstriert die Lebensweise der Bewohner um die Jahrhundertwende, viele der ausgestellten alten Dinge kann man in den Trödelläden nebenan noch kaufen. Der Kollwitzplatz bildet das Zentrum im Kiez. Er wird von den Häuserfronten der Wörther-, Kollwitz- und Knaack-straße umfaßt. Platz und Straße tragen seit 1947 den Namen der großen Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, die zu den bedeutendsten KünstlerInnen Deutschlands gehört. Ihr künstlerisches Werk ist geprägt durch hohe Meisterschaft, gepaart mit sozialem Engagement. Von 1891 bis zu ihrer Evakuierung aus Berlin 1943, also länger als 50 Jahre, hatten sie und ihre Familie hier gelebt und gewirkt. Ihr Mann, Dr. Karl Kollwitz, betreute als Kassenarzt in der Wohngegend seine Patienten.

Im 19. Jahrhundert gehörte das Gelände um den Platz dem »Deutsch-Holländischen Actien-Bauverein«, der es eng mit Mietshäusern bebauen ließ. Von 1885 bis 1887 gestaltete man die Anlage als typischen gründerzeitlichen Schmuckplatz, vermutlich nach Entwürfen des damaligen Stadtgarten-direktors Hermann Mächtig. Das Haus mit der Wohnung der Familie Kollwitz in der damaligen Weißenburger Straße 25 (heute Kollwitzstraße 58), wurde am 23.11.1943 bei einem der Luftangriffe auf Berlin zerstört. 1949 unterbreitete der Bildhauer Gustav Seitz (1906-1969) in einem Brief an den damaligen Oberbürgermeister von Groß-Berlin, Friedrich Ebert, den Vorschlag, den Ort, an dem Käthe Kollwitz wirkte, mit einem ihrer Kunstwerke zu schmükken. Daraufhin wurde 1950 zunächst auf dem Platz gegenüber dem ehemaligen Wohnhaus die Skulptur »Mutter mit zwei Kindern« aufgestellt. Der Sockel, den die Skulptur anläßlich der Aufstellung im Jahre 1950 erhielt, trägt die Aufschrift: »In der Finsternis vor dem zweiten Kriege hat Käthe Kollwitz dieses Werk geschaffen. Die Mutter will ihre Kinder retten - bewahren - Wohin? Wovor? Dunkel drohen Brand und Mord.«

Der 1945 verstorbenen Künstlerin setzte auf dem Platz, wo sie fünfzig Jahre im Volke lebte, das eigene Werk - zum Gedächtnis - der demokratische Magistrat von Berlin im Jahre des Ersten Deutschlandtreffens der Jugend für den Frieden.« 1960 bis 1996 hatte der Stein dann auf einer kleinen Grünfläche, die neben dem neu erbauten Wohnhaus frei geblieben war, seinen Platz. Auch dieser langjährige Standort konnte 1996 nicht mehr beibehalten werden, als man beschloß, die Ecke mit einem sozial geförderten Wohnhaus zu bebauen. Am 8.6.1997, dem 120. Geburtstag der Künstlerin, fand die Einweihung des nunmehr dritten Standortes für das bedeutende Kunstwerk auf dem Gelände des Bezirksamts Prenzlauer Berg, Fröbelstraße 17, statt. Dorthin kommen wir später. An dem neu erbauten Haus Kollwitzstraße 58 erinnert nun ein Denkzeichen, das die Künstlerin Pat Binder (geb. 1960) als Gewinnerin eines Wettbewerbs 1997 gestaltete, an Käthe Kollwitz und ihren Lebensgefährten. Es handelt sich dabei um einen Lichtkasten, in dem zum Gedenken an die große Bildhauerin wechselnde Ausstellungen von Werken lebender Künstler stattfinden.

1950 wurde der Kollwitzplatz nach Entwürfen des Gartenarchitekten Reinhold Lingner (1902-1968) gestaltet und ist bis heute in den Grundzügen so erhalten geblieben. Dem sozialen Anliegen von Käthe Kollwitz folgend, achtete man besonders auf genügend Freiräume und Spielmöglichkeiten für Kinder.

1956 erhielt der Bildhauer Gustav Seitz (1906-1969) vom Magistrat den Auftrag zu einem Kollwitz-Denkmal, 1960/61 stellte man seine in Bronze gearbeitete Käthe-Kollwitz-Plastik in der Mitte des Platzes auf. Er selbst sagte über die Arbeit im Juni 1958:

»An meiner Kollwitz geht es weiter. Ich habe gerade den Ausdruck des Kopfes ganz verändert. Noch mehr vereinfacht. Ein Freund sagte mir, ich hätte die Frau in meinem Sinne gestaltet. Es ist die Kollwitz, es ist aber auch die Jacobine, Mutter Zauleck und ich darin zu erkennen. Das ist bestimmt so. Eigentlich ein schönes Urteil.«

Die Arbeit des Bildhauers lehnte sich an ein Selbstporträt der Künstlerin aus dem Jahre 1938 an. Seitz hatte Käthe Kollwitz während seiner Studienzeit an der Kunsthochschule Berlin-Charlottenburg in den Jahren 1925 bis 1932 noch selbst erlebt. Er gestaltete eine große Figur in sitzender, leicht nach vorn gebeugter Haltung. Der rechte Arm hält den Stift in der Hand, mit der Linken faßt sie die neben sich stehende Zeichenmappe. Aus monumentalem Unterkörper erwächst ein fast zerbrechlich anmutender Oberkörper, auf dem das markante, gespannt wirkende Haupt den Blick des Betrachters auf sich zieht. Die Arbeit wurde eines der Hauptwerke von Gustav Seitz - eine Skulptur, die inzwischen zu den großen Denkmal-leistungen der deutschen Bildhauer-kunst der zweiten Jahrhunderthälfte zählt. Den Guß besorgte die Bildgießerei Seiler. Seiler berichtet, daß der Bildhauer noch bis zuletzt in der Form weitergearbeitet hatte, um seine Vorstellungen zu verwirklichen.

Nach 1945 ging der Magistrat in Prenzlauer Berg daran, im Zuge der Sanierung von zum Teil ausgebrannten Dächern und Dachgeschossen Ateliers auszubauen. Eines davon benutzte später viele Jahre lang der Maler Harald Metzkes und nach dessen Auszug nun Lutz Friedel. Sie waren und sind nicht die einzigen Künstler in der näheren Umgebung. In den sechziger bis achtziger Jahren siedelten sich rund um den Platz, wie überhaupt im Bezirk, viele Künstler an. Unter ihnen die BildhauerInnen Christa Sammler, Friedrich B. Henkel, Wieland Förster und Hans Scheib, der universelle Objektkünstler Reinhard Zabka, die MalerInnen Sabine Herrmann, Karla Woisnitza, Horst Zickelbein, Horst Sagert, Klaus Roen-spieß, Michael Diller, Hans Otto Schmidt, Wolfgang Leber, Volker Henze, Konrad Knebel, Manfred Böttcher und sein Bruder Joachim Böttcher und viele andere. Wie die Kollwitz wurden auch sie vom Flair in Prenzlauer Berg angezogen. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre bildeten sich unter kreativer Beteiligung vieler Künstler, die nach Möglichkeiten freierer Entfaltung suchten, Gruppen, die Ideen zur Neugestaltung des Kiezes und ihrer Lebenssphäre entwickelten. Kirchliche Umweltgruppen organisierten Arbeits-einsätze, um Grün- und Spielanlagen zu realisieren. Die grünen Höfe im Wohngebiet um den Kollwitzplatz sind Beleg für das Engagement der Anwoh-ner. Besonders aktiv war die Gruppe »Spielwagen Berlin 1«, die ein Konzept für das gesamte Gebiet erdachte und vor allem neue Spielmöglichkeiten plante. 1989/90 entstand aus diesen Aktivitäten das »Netzwerk Spiel/Kultur«. In Auseinandersetzung mit den Behörden gelang es der Gruppe, den Bau des ersten pädagogisch betreuten Abenteuerspielplatzes in Ostberlin durchzusetzen. Er befindet sich in der Kollwitzstraße, nahe der Metzer Straße. Die Spielgeräte wurden gemeinsam mit Kindern entwickelt.

In den Jahren nach 1985 begann man im Gebiet am Kollwitzplatz außerdem mit der Rekonstruktion von Altbauten, die lange vernachlässigt worden waren. Neu eingerichtete kleine Museen bewahren Fotos und Dokumente und andere Exponate aus der Gründerzeit auf. Einige Geschäfte wurden zu Läden nach historischem Vorbild umgebaut. In der Zeit der Wende 1989/90 gehörte das Gebiet um den Kollwitzplatz folgerichtig zu den aktivsten Zentren der Erneuerung.